Abschied

 

Der Weg führte uns stundenlang bergab. Die schrecklichen Höhen waren überwunden.

 

Lorina blieb plötzlich stehen. Nebel hatte sich ins Tal eingeschlichen. Es wurde merklich kühler. Sie deutete hinab „Da liegt die Almhütte von Josep!“ Verschwommen sah ich die Umrisse eines stabilen Blockhauses. „In einer Stunde sind wir da.“ Lorina ging wie stets voran. Der Weg wurde schlechter. Die Wolkenbrüche der vergangenen Monate hatten einen Teil des Geländes weggespült. „Wir müssen in der Hütte übernachten“, stellte Lorina lakonisch fest.

 

Die Hütte lag windgeschützt am Waldrand und barg jede Menge Heu. Das gab dem Innenraum eine natürliche Wärme. Wir konnten unsere Jacken ausziehen. Hier sieht es ja aus wie in einem Wohnzimmer“, stellte ich fest. In der Tat standen im Vorraum ein Tisch, ein Schrank, Stühle und Schlafbänke. Es gab sogar eine Wasserstelle.“ Die Hütte ist fürs Übernachten eingerichtet. Falls es Unwetter gibt. Außerdem liegt Joseps Hof zwei Stunden von hier weg“, erklärte Lorina, als ich mich staunend umsah. „Mit dem Feuer müssen wir aufpassen.“ Lorina deutete auf den kleinen Kamin. Aber mit unseren Schlafsäcken haben wir genug Wärme für kalte Nächte.“ „Kalte Nächte? Wieso Nächte? Was soll das heißen, Lorina?“ „Komm, Luis. Setzen wir uns. Ich muss mit Dir reden.“ Plötzlich war sie mir seltsam fremd. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Aber ich gehorchte, setzte mich und sah sie gespannt an.

 

„Du musst meine Situation verstehen“, begann sie, „ich komme nach Hause und habe einen Begleiter. Niemand würde mir glauben, dass ich Dich zufällig  getroffen habe. Ein Mädchen, das sich längere Zeit mit einem Mann eingelassen hat, ohne ihn zu heiraten, hat ihre Ehre verloren. Sie würde im Dorf und sogar von ihrer Familie verachtet. Was folgt, ist ein Leben in Schande. Hier kann man nicht tun was man will. Es gibt klare, oftmals harte Regeln.“

 

Blitzartig erkannte ich die Gegensätzlichkeit unserer Herkunft. Mein Leben in der Stadt war ein langes Spiel. Ihr Leben in diesem entlegenen Teil der Pyrenäen  war ein Leben für die Arbeit mit abgezirkelten Normen und Tabus. Für mich zählte Abenteuer, Vergnügen und die Suche nach der wahren Liebe. Und was zählte für sie?  Genau das sicher nicht. Sicher nicht die Suche nach der großen Liebe Da stand Tradition und Vernunft davor. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie gedankenlos ich meine Empfindungen einem Mädchen gewidmet hatte, deren Welt ich nicht kannte. Sie war eingebettet in die Abhängigkeit von Familie, Heimat und dörflicher Gemeinschaft. Ich, der Ungebundene, der selbstsüchtig jede Einschränkung vermeidet, war nachgerade das Gegenteil. Und Gegensätze ziehen sich auf Dauer nicht an!

 

Ich konnte mir nicht vorstellen, hier zu bleiben, Lorina zu heiraten und auf einem Bauernhof ebenso ehrliche wie beschwerliche Arbeit zu verrichten. Sie nach Berlin mitzunehmen wäre undenkbar. In diesem Augenblick wurde mir die Brüchigkeit meiner Existenz bewusst. Es war Zeit über meinen Lebenswandel nachzudenken.

 

Lorina holte mich aus meinen Gedanken. „Jetzt ist keine Zeit zum Überlegen, Luis. Kannst Du Dich entscheiden?“ Die Härte des Moments, in der Lorina mir diese Frage stellte, würde mir ewig in Erinnerung bleiben.

 

Ich liebe Dich, Lorina, aber…“, ich zögerte weiter zu sprechen – oder war ich zu feige? Lorina nahm mir die Entscheidung ab: „Ich liebe Dich auch, Luis, sogar sehr, aber manchmal reicht die bloße Liebe nicht…“. Wir schwiegen und ich wusste, was gemeint war.

 

Stumm umarmten wir uns. Ich sah nicht hin, aber ich ahnte, dass ihr die Tränen über die Wange rannen, während mir die Luft zum Atmen fehlte.

 

Lorina stand auf und sah hinaus. Draußen ging der Wind und fegte durch die Türritzen. Es wurde kühl. Es war Zeit Feuer zu machen. Der zierliche Kamin würde hoffentlich ausreichend Wärme spenden. In diesem winzigen Raum. Ich sah mich um. Da war ich nun. War in die große Welt aufgebrochen und in einer kleinen Hütte gelandet. Im Innern fühlte ich, dass ich mir genau dies nicht eingestehen wollte.

 

„Ich bleibe diese Nacht noch hier. Morgen gehe ich heim.“

 

Lorinas Satz schwebte durch den Raum wie ein unheilvolles Gerücht, das sich einnistet und nicht wieder verschwindet.

 

Ich rückte die Schlafbänke zusammen. Dann rollten wir uns todmüde in unsere Schlafsäcke. Meine Gedanken waren bei den letzten Worten des Königs:

 

 

 

„Die Nacht vertrieb den letzten Schimmer.

 

 All Licht ist ausgelöscht,

 

Vergangen jeder Schein.

 

Gekommen ist ein Abschied

 

Dem Ende meiner Liebe gleich.

 

Ein Rosengarten ist geleeret,

 

Die Rosen sind verwelkt.

 

Im Auge der Nacht verlor ich jene Liebe,

 

Verliehen ewiglich von meinem Gott.“

 

 

 

In der Nacht wachte ich auf. Lorina lag nah bei mir. Sie berührte mich sanft. Wir küssten uns. Ihre Lippen streichelten meinen Hals. „Luis“, flüsterte sie, „Luis.“ Dann fühlte ich ihre Wangen.

 

Erschöpft rollten wir auseinander. Ich öffnete das Fenster. Die kalte Bergluft tat gut. Lorina verschwand im Schlafsack.

 

Lange lagen wir noch wach nebeneinander. Vereint in einer Woge unendlicher Ratlosigkeit...

 

 Ich schlug die Augen auf. Im Zimmer war es bitterkalt geworden. Ein regnerischer Morgen schaute durchs Fenster. Lorina hatte sich über mich gebeugt. „Ich muss gehen.“ Ich stand auf. Der Regen nahm zu und prasselte auf das Dach. „Spätestens morgen wird es schneien, Luis. Du musst hier weg!“ Ich nickte und ging auf sie zu. Da stand sie: im Mantel mit Rucksack. „Der breitere Weg führt zu Joseps Hof “, erklärte sie, „ich mag Josep zwar nicht, aber er wird Dich aufnehmen. Gastfreundschaft bedeutet hier alles. Vielleicht hast Du Glück. Jedes Jahr um diese Zeit kommt ein Wagen und bringt Saatgut für die Bauern im Tal. Er wird Dich mitnehmen nach Pamplona.

 

Wir waren aus der Tür in den Regen getreten. Lorina bemühte sich zu lächeln. Auf ihren Wangen vermischten sich die Regentropfen mit ihren Tränen. „Danke“, flüsterte ich, „danke, Lorina. Ich komme wieder.“ Sie umarmte mich ein letztes Mal. „Vergiss mich nicht“, flüsterte sie. Dann winkten wir uns lange zu. Bis eine Böschung sie verschwinden ließ.  

 

 

 

Über die Hungersnot in Afrika

 

Die Hungersnot in Afrika hat vielfältige Gründe und kann auch nicht durch unsere Hilfsaktionen beseitigt werden, im Gegenteil, sie wird dadurch lediglich verstetigt.

Hunger durch:

Überweidung

Insbesondere durch unsere fehlgeleitete Entwicklungshilfe konnten die Nomadenvölker ihre Herden ständig vergrößern (das ist ein Statussymbol). Dadurch wird die Vegetation derart zerstört, dass die Ausbreitung von Wüste leichtes Spiel hat.

Abholzung/Kahlschlag/Brandrodung

Die Wanderbauern vergangener Jahrhunderte haben Ackerfläche durch eben diese Maßnahmen gewonnen. Sie haben allerdings das betreffend gerodete Gebiet erst nach ca. 15 Jahren wieder aufgesucht. So konnte sich die Natur erholen und erneut genutzt werden. Aus verschiedenen Gründen (u.a. durch Bevölkerungswachstum) kommen sie heute nach bereits 4 bis 5 Jahren wieder und beackern den kargen Boden, der nun entsprechend wenig hergibt. Die Folge ist auch hier Verwüstung. Und dort wächst dann nichts mehr. Ursprünglich war Abholzen eine win-win-Situation, weil man gleichzeitig Holz als gemeinhin einzigen Energieträger für Hausfeuerung und Ackerfläche gewann. Wo man allerdings radikal und weitflächig abholzte (und das ist in den letzten Jahrzehnten der Fall), förderte man die Verwüstung oder die Bodenerosion. Irgendwann kommt der Punkt, dann spült der Regen auch die letzte Ackerkrume fort. Schließlich bleibt in der kahlen Landschaft auch der Regen aus. Die Folge ist lang anhaltende Dürre. Das ist die Situation derzeit in Somalia. Die Klimaerwärmung fördert diese Entwicklung, aber sie ist nicht Ursache. Die Ursachen sind hausgemacht und insbesondere von einer verfehlten Entwicklungspolitik noch verstärkt worden. Man liest ja auch in diesem Zusammenhang von dem dortigen Absterben der Vieherden, ein Phänomen, das dem Hunger vorausgeht. Man muss wissen, dass die seit den 70er Jahren künstlich vergrößerten Viehherden auch den kleinsten Rest der verbleibenden Pflanzenwelt (junge Triebe vor allem) abfressen und obendrein den Boden durch ihre massenweise Trampelei verdichten, so dass in einen so verhärteten Boden kein Regenwasser mehr eindringen kann, um die Vegetation am Leben zu erhalten. Das Oberflächenregenwasser aber verdunstet innerhalb von Stunden oder verrinnt in einem kurzen reißenden Strom in der Karstlandschaft. Nichts bleibt mehr, wovon man sich ernähren könnte. Und das geschieht Jahr für Jahr in einem Gebiet, das die Größe der BRD erreichen kann.

Ausbeutung von Wasservorkommen/falsche Bewässerungssysteme

Durch Entwicklungshilfe kamen die Bauern in den Besitz von Dieselpumpen, die auch das letzte Grundwasser, das für den Anbau von Nahrungsmitteln notwendig ist, dem Boden entziehen konnten. Die Folge ist Verwüstung (s.o.) Außerdem versäumen es die Regierungen der betreffenden Staaten, den Bauern effektive Bewässerungsmethoden beizubringen (positives Beispiel Israel, das auch in wasserarmen Gebieten erfolgreich Nahrungsmittel anbaut).

 

Korruption/bad government/mangelnde Infrastruktur

Die Regierungen in Afrika sind in der Regel korrupt. Sie sind nicht an der Landwirtschaft interessiert, in der sich wenig Gewinn erwirtschaften lässt oder wenn, dann durch diktatorische Ausbeutungspraxis. Die Regierungen setzen lieber auf Industrieprojekte u.ä., die im Verein mit den westlichen (inzwischen auch östlichen) Geldgebern und Investoren eine Quelle raffenden Reichtums der Oberen Zehntausend sind. Das Schicksal der Bauern ist ihnen gemeinhin egal.

Kriege/Bürgerkriege/ethnische-religiöse-ideologische Konflikte

Der klassische Grund für Verarmung, Zerstörung, Ausbeutung. Jedes entwickelte (westliche) Land würde durch solch massive und lang andauernde Phänomene ebenfalls in Hungersnot geraten, erst recht die afrikanischen Länder. Die Waffenlieferungen (Proliferation genannt) und umgeleiteten Gelder aus anderen oft westlichen Staaten unterstützen diese Entwicklungen.

Lebensmittelhilfe

Kostenlose oder billigste Weizen-/Maislieferungen aus Europa oder USA sind Gift für die afrikanischen Bauern. Wo diese Lebensmittel quasi kostenlos auf den Marktplatz gestellt werden, können die einheimischen Bauern buchstäblich einpacken. Die Folge: Sie produzieren nicht mehr, verlassen die Äcker und generieren zum Stadtproletariat. Auch wenn aus irgendwelchen, aber häufig vorkommenden Gründen die kostenlosen Lieferungen nicht ankommen, bricht sofort der Hunger aus.

Falsche Prioritätensetzung: Förderung der Industrie vor der Landwirtschaft

s.o.

Bau von Staudämmen

Überall, wo an großen Flüssen (z.B. in Mali) Staudämme errichtet wurden, verloren die Flüsse dramatisch an Fließgeschwindigkeit und Wasser. Die Folge: Die seit ewigen Zeiten einsetzenden jährlichen Überschwemmungen, auf die die Bauern traditionell warteten, bleiben aus, das Land wird nicht mehr bewässert, sondern versalzt obendrein noch. Die Bauern können nichts mehr anbauen.

Überbevölkerung

Der demographische Zuwachs ist größer als der Produktionszuwachs in der Landwirtschaft.

Naturkatastrophen/Klimaveränderungen

Insbesondere die Länder der Dritten Welt leiden oft unter dramatischen Naturkatastrophen aller Art (Stürme/Regenfall/Überschwemmungen/Vulkanausbrüche). In der Regel werden dabei die Ernten vernichtet. Dazu kommen noch regionale und weltweit spürbare Klimaveränderungen.

 

 

 

 

Export von Lebensmitteln

Kaum zu glauben: Selbst in Ländern, die ständig unter Hungersnöten leiden und von den Hilfsorganisationen diesbezüglich unterstützt werden, sind die Regierungen bereit, (meist das beste) Ackerland an Drittstaaten oder ausländische Investoren zu verkaufen/ zu verpachten, sog. „land grabbing“ (Beispiel Äthiopien). Den Gewinn aus dem Lebensmittelexport stecken wieder die Eliten ein.

Biosprit

Für unsere Autos verbrauchen wir Sprit, der von den Ackerflächen in aller Welt kommt. Die Folgen sind nicht nur die Rodung von Urwäldern, Aufbau von ungesunden Monokulturen, sondern auch der Verbrauch von Ackerflächen, die nun in der Dritten Welt zur Produktion von Lebensmitteln für die einheimische Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stehen – und hohe Lebensmittelpreise (beispielsweise von Mais), die die ärmere Bevölkerung nicht mehr bezahlen kann. Sie hungert stattdessen.

Spekulation

In der letzten Zeit hat die überall zu beobachtende Verknappung von Landwirtschaftsflächen etc. etc. zur Spekulation auch auf Lebensmittelpreise geführt. Dabei spekulieren die Spekulanten u.a. auf den Anstieg der Preise. Die Folge: Hunger…

Stand 27.1.13

EINE LANZE FÜR DIE LEHRER

„Lehrer sind faule Säcke.“ Wir alle kennen diesen nobelpreisverdächtigen Spruch von Altbundeskanzler Schröder, der damit insofern eine rege Diskussion auslöste, als man sich lediglich fragte, ob es hier und da nicht eine lobesame Ausnahme gäbe.

Betrachten wir doch einmal den Durchschnittsalltag eines Durchschnittslehrers: Morgens früh um 7,oo Uhr aufstehen, wenn der Rest der Bevölkerung noch im Tiefschlaf liegt. Dann ein eher lustloser Vormittag in der Schule, den man mehr oder weniger unterhaltsam gestaltet, um ihn nicht zu sehr mit schweißtreibender Unterrichtsarbeit zu füllen, reichliche Pausen dazwischen inklusive Freistunden, die man wahlweise im benachbarten Café verbringt und schließlich in der letzten Stunde das ungeduldige Warten auf die Schulklingel, die den Unterricht pünktlich um 13,00 Uhr beendet. Der Sprung aus dem Klassenzimmer rein ins Auto ist eins und so hat man, bevor der erste Sextaner das Tor erreicht, das Schulgelände bereits verlassen. Nach dem gemütlichen Mittagessen sinkt man erschöpft in den wohlverdienten Mittagsschlaf. Dann ab in den Tennisclub, wo man scharenweise die Lehrer der anderen Schulen zum ausgiebigen Match trifft, anschließend ein gemeinsames Dinner mit den unvermeidlichen Gesprächsthemen: „Wo verbringen wir dieses Jahr die Weihnachts-, Oster-, Pfingst-, Sommer- und Herbstferien und wie stellt man es geschickt an, um mit 55 in die vollbezahlte Pension zu gehen?“ Am Abend die stets kurze Unterrichtsvorbereitungsfrage „Was mache ich morgen so…?“ mit der stets gleichen Antwort:“ Na ja, mal sehen…“- und ab in den Dienstschlaf.

Ja, der Schröderspruch saß wie ein Stachel im Fleisch des bundesrepublikanischen Lehrkörpers bis jemand fragte: “Warum sind wir nicht alle Lehrer geworden? Fürstliche Entlohnung, unkündbare Stellung, minimaler Arbeitsaufwand, satte Pension!“

Stutzig geworden begann es den Hellsten zu dämmern, dass das Lehrerdasein kein langer Sonntag sein konnte. Und in der Tat: Da gibt es nicht nur brave, liebe, folgsame Kinderchen, die endloses Vergnügen bereiten, sondern auch nerventötende, renitente Schüler, die den Job zur Schwerstarbeit machen und vor denen man mitunter auf der Hut sein muss; da sind nicht nur gottergebene Eltern und heitere Klassenfahrten, nicht nur Vormittagsunterricht, sondern Ganztagsschule, anstrengende Konferenzen, Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen bis zum späten Abend, auch an Wochenenden und in den Ferien.

Aber das ist nur die halbe Miete, denn mit dem „Klassischen Unterrichten“ und dessen Beigaben ist es nicht getan Auf jeden Lehrer warten weitere Aufgaben:

-         die nicht enden wollende Arbeit am Schulprogramm

-         die Erarbeitung eines Förderkonzepts und die Erstellung von Förderplänen für die immer größer werdenden Gemeinde von Lese- und Rechtschreibschwachen nebst Testläufen, Einrichtung von Förderkursen, Beratungsgesprächen, einschlägigen Konferenzen

-         die Konzeption und Durchführung von Vergleichsarbeiten

-         die Korrektur und Auswertung von Lernstandserhebungen

-         im Falle der Planung und Durchführung einer Klassenfahrt: obendrein die Bereitstellung von Lernstoff zur Vermeidung von Unterrichtsausfall (typische Doppelbelastung) und

-         die zeitraubende Entwicklung des schuleigenen kompetenzorientierten Kerncurriculums

Und da das offenbar nicht reicht, sattelt der Kultuszirkel noch was drauf: die Evaluation und die Inklusion, garniert mit gelegentlicher Konfusion.

Übrigens: Das alles tragen die Lehrer weitaus überwiegend mit Fleiß und Engagement und o h n e Streikrecht!


2. Januar. 2013

Scheitert der Euro, scheitert Europa!

Der Merkelsatz kündet von plattem Materialismus und offenbart profunde Unkenntnis, was den Begriff „Europa“ anbelangt.

Merkel folgt in blinder Unterwerfung den Adepten jenes Materialismus, die alles auf das Monetäre, das Messbare, das Narzisstisch-Hedonistische, letztlich auf die nackte Ökonomie reduzieren wollen. Europa war, ist und wird mehr sein als die krude Redundanz eines Währungsraums. Europas Wesen umgreift im Gegensatz zu Merkels Reduktion ein historisch, wirtschaftlich und auch politisch gewachsenes Phänomen, das in erster Linie auf geistigen, wissenschaftlichen, philosophischen, kulturellen und humanistischen Traditionen beruht und auch in Zukunft beruhen wird. Europa hat nicht erst mit der Einführung des Euro begonnen, weshalb es auch nicht mit dessen Scheitern enden wird. Die Wurzeln Europas greifen mithin tiefer als sich eine in der europäischen Geschichte eher ephemere Erscheinung wie die Bundeskanzlerin vorstellen kann. Die Geschichte kennt Hunderte von gescheiterten Währungen bis in die Gegenwart hinein, ohne dass deshalb jeweils die ganze Nation dabei untergegangen wäre. Es wäre ja auch ein Witz, wenn sich die Identität eines Volkes oder einer Völkergemeinschaft einzig und allein von der Existenz einer bestimmten Währung herleiten ließe. Ein Volk, auch in seiner politischen Verfasstheit, ist mehr als der Abdruck seiner Währung. Merkel verkennt in beschämender Eindimensionalität diese einfache Wahrheit.

In geradezu zynischer Weise blitzt in Merkels Satz allerdings ein Körnchen von ihr sicherlich nicht intendierter Wahrheit auf: Viele, vor allem südeuropäische Nationen, allen voran Frankreich, wollen gar nicht jenes Europa, das mehr wäre als die bloße Währung, das bloß Materielle oder das bloße Lippenbekenntnis zu Europa. Sie lieben nicht Europa, sie lieben den Euro. Um des lieben Euro willen beschwören sie den hehren Europagedanken, weil von dort, von Brüssel, seit Jahrzehnten Geld fließt und weiter fließen wird. Und sobald grundlegende nationale Interessen - und merkwürdigerweise sind dies oft die des Geldes - berührt werden, genießt die nationale Staatsräson entschiedenen Vorrang vor dem Gedanken eines entnationalisierten vereinigten Europas.

Und das Merkel-Zitat enthüllt ungewollt eine weitere bittere Wahrheit: Die maßlose Verschuldung der Staaten, die ungeheuren Kreditvolumen, endlosen Rettungspakete, Finanztricks und Bürgschaften (man fragt sich, woher die Millionen, Milliarden und Billionen alle herkommen sollen) und die abenteuerliche Geldpolitik der EZB werden am Ende den Euro zugrunde richten. Europa wird dennoch bestehen bleiben, nur nicht mehr in der Form, die sich die elitären Rettungseuropäer weitgehend abseits der Mitbestimmung der europäischen Völker ausgedacht haben.

 

29. November 2012

Bei der Einführung des Euros sind grundlegende Fehler gemacht worden.

 1. Der Euro wurde überhastet eingeführt, quasi als beruhigende Antwort auf die Besorgnis der europäischen Großmächte, die ein nach der Wiedervereinigung Deutschlands zu starkes und sich hegemonial entwickelndes Deutschland fürchteten. Der Euro sollte also Deutschland in das Konzert der europäischen Mächte einbinden und somit Deutschland kontrollierbar machen. Außerdem, so hoffte man, würde dadurch eine europäische Einigung erzwungen, die ein Ausscheren Deutschlands aus dem europäischen Ganzen unmöglich machte. Damit war die Einführung des Euro ein primär politisches Projekt und erst sekundär ein wirtschaftliches. Das war aber der nächste Fehler, denn


2. ist der Euro keine politische Währung (die gibt es nur in totalitären Staaten), sondern eine wirtschaftliche. Eine solche marktwirtschaftliche Währung unterliegt aber knallhart dem Marktmechanismus der Marktwirtschaft. Investoren und Anleger interessiert nur am Rande, was politisch relevant ist, sondern inwiefern ein Währungsraum wirtschaftliche Sicherheit und Gewinn verspricht. Der Euro unterliegt somit den Marktgesetzen. Und das führt zum 3. Fehler


3. Eine Währung ist immer Ausdruck der jeweiligen Leistungskraft einer Volkswirtschaft. Die Euro-Staaten haben aber äußerst unterschiedliche Wirtschaftsleistungen. Griechenland oder Spanien etc. sind von ihrer Leistungskraft absolut nicht zu vergleichen mit dem hochentwickelten Industriestandort Deutschland. Während Deutschland über Zehnttausende leistungskräftiger Klein- Mittel- und Großunternehmen verfügt, die hohe Gewinne weltweit einfahren können, ist in Griechenland der einzige und größte Betrieb mit vergleichbarer Leistung eine Cola-Abfüllanlage!(Inzwischen hat Coca Cola seinen Hauptsitz in die Schweiz verlegt) Viele erfolgreiche griechische Reedereien, die man noch als ernsthafte Kraft ansehen könnte, erwirtschaftet ihre Gewinne im Dollarraum und führen auch dorthin dieselben ab, so dass der griechische Staat praktisch keine Steuern aus diesem Wirtschaftszweig erhält. Auch kann die Wirtschaftsleistung aus Tourismus (der in Griechenland ohnehin sich überteuert verkaufte) und aus landwirtschaftlichen Produkten (Oliven etc.) keinesfalls mit hochentwickelten Industriegütern verglichen werden. Das wäre ungefähr so, als würde man 1kg Nussernte mit einem Tablet-Computer verrechnen. Portugal z.B. verfügt nur über 6 größere Industrieunternehmen. Wie soll da eine Vergleichbarkeit mit Deutschlands oder Frankreichs Industrie zustande kommen? Fazit: Die insbesondere internationale mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der südlichen und kleinen Eurostaaten (wie Slowenien z.B.) sind ein unüberwindbares Handicap des europäischen Währungsraums. Das führte zu einem weiteren Fehler:


4. Um dieses (erkannte) Ungleichgewicht zwischen den hochentwickelten Industriestaaten und den letztlich nicht konkurrenzfähigen Südstaaten auszugleichen, wurden riesige Summen von Nord nach Süd transferiert z.B. anhand von Kohäsions- und Strukturfonds. Man wollte damit den schwach entwickelten Volkswirtschaften die Gelegenheit geben, ebenbürtige Wirtschaftsstrukturen aufzubauen. Begleitet wurde das zusätzlich durch billige Kredite, an die nun die die Schwachstaaten herankamen. Die Gelder wurden allerdings in den allermeisten Fällen konsumtiv verbraucht und nicht investiv, und wenn investiv, dann in unverantwortlich aufgeblähte Immobilen und Infrastrukturen wie in Spanien. Dort erzeugte der Geldtransfer einen immensen Bauboom, der lediglich auf geliehenem Geld und der Erwartung, dass es ewig flösse, beruhte. So verfügt man z.B. in Spanien über eine Unzahl an Flughäfen, die niemand braucht. In der Nähe von (ich glaube) Barcelona steht ein solch gewaltiger Flughafen, den in guten Zeiten maximal ein Flugzeug pro Woche (aus Mallorca) anfliegt. Durch solche Geldverschwendung wurde jahrelang überdeckt, dass die betreffenden Staaten wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig waren. Als die Finanzkrise kam, flog der ganze Betrug auf und es wurde offenbar, dass Spanien neben seiner Bauindustrie kaum eine konkurrenzfähige Wirtschaft besitzt und somit auf dem europäischen wie globalem Markt keine Rolle spielen könnte. Die Folge war übrigens, dass sich die privat erwirtschafteten Gewinne in den Südländern sofort nach Norden oder in den Rest der Welt verabschiedeten und sich ein zusätzliches Loch an entgangenen Steuern und Bankeinlagen auftat.


5. Ein weiterer Fehler war, dass man schon kurz nach der Einführung des Euro die Maastricht-Kriterien brach. Deutschland und Frankreich waren da Vorreiter und auf Dauer konnten sie nicht verhindern, dass die restliche Euro-Staatenwelt dem nacheiferte. Seitdem werden fast alle Regeln und Vereinbarungen sowie Verträge gebrochen. Der Verfassungsrechtler Kirchhof spricht hier von einer Vertrauenskrise, die sich durch fortwährende Rechtsbrüche ins europäische Bewusstsein eingefressen hat und Europa die rechtliche Existenzgrundlage entzieht. Wer ein wenig von Wirtschaft und Finanzen versteht, weiß, dass diese nicht nur auf Psychologie basieren, sondern - wie eine Währung zum Beispiel - auf Vertrauen und Rechtssicherheit (dem 50 Euro-Schein vertraut man, obwohl dessen Papier vielleicht nur 10 Cent wert ist).


Fazit: Nachdem wir also in der Krise stecken, versuchen alle Verantwortlichen den Euro-Raum auf Biegen und Brechen zusammen zu halten. Dabei bedient man sich mehr und mehr undemokratischer Verfahrensweisen und Institutionen. Dazu kommen interpretatorische Winkelzüge. So verdrehte jüngst die EU-Kommissarin Viviane Reding den Sinngehalt der „Bail out Klausel“ in ihr Gegenteil. Die Klausel besagt, dass jeder Staat für seine Schulden einzustehen hat. Sie aber sagt:„...derlei „populärwissenschaftliche Aussagen“ hätten mit der wirklichen Rechtslage „recht wenig zu tun“. Die Vorschrift schließe nur eine „automatische Mithaftung“ oder einen „Schuldbeitritt“ aus, nicht jedoch die „freie Entscheidung“ eines Mitgliedstaates, etwa einen Kredit zu geben“. Die Mitgliedsstaaten sind aber längst nicht mehr frei in ihren Entscheidungen. Der Besuch von Merkel in Griechenland hat gezeigt und wird zeigen, dass Griechenland nicht abhängig ist von Deutschland und den anderen Geberländern, sondern u m g e k e h r t!


So geraten wir allmählich in den Sog einer Erpressbarkeit: „Wenn wir nicht jetzt und sofort zahlen, wird es später noch teurer und alles wird in den Abgrund stürzen.“ Nicht zuletzt hat Kanzlerin Merkel dafür den Boden bereitet, indem sie fast alles als „alternativlos“ erklärte oder durch die Zusicherung, dass Griechenland unbedingt im Euro gehalten werden müsse oder das Bonmot: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“ Weil niemand will, dass Europa scheitert, werden wir zahlen m ü s s e n.


Ich sage aus diesen Gründen voraus, dass Griechenland die nächste Tranche erhalten wird, egal, wie der Troika-Bericht ausfällt (entweder wird der Bericht so hingebogen, dass eine Auszahlung möglich ist oder man greift wieder einmal zur bewährten Methode der Uminterpretation, wenn man nicht gleich alles zur Seite wischt).


Diese Rettungsmaßnahmen und der ESM bekämpfen nur die Symptome, nicht aber die Ursachen der Misere: Die Ursachen sind hauptsächlich die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Krisenstaaten sowie deren strukturelle Defizite, die politischen, kulturellen, gesellschaftlichen, historischen und mentalen Unterschiede.


Dass man jetzt, da man nicht mehr weiter weiß, insbesondere auf deutscher Seite noch nach „mehr Europa“ oder - wie von der Leyen - nach dem „Vereinigten Europa“ ruft, ist angesichts der Tatsache, dass man nicht einmal eine gemeinsame Währung beherrscht, ein Witz. Außerdem haben die allermeisten Länder, allen voran Frankreich, absolut keine Lust ihre Souveränität an Brüssel abzutreten. Die „Grande Nation“ hätte in diesem Fall die nächste „Französische Revolution“.


Noch eins zum Schluss: Herr Draghi, der mittlerweile nicht gewählte eigentliche Herr Europas, hat angekündigt, Staatenfinanzierung, wenn nötig, endlos zu betreiben. Dazu setzt er die Druckerpresse massiv in Gang. Das aber erzeugt, was jeder Student im ersten Semester eines Wirtschaftsstudiums weiß, mittelfristig I n f l a t i o n. Am Anfang wird man noch nichts merken (und die Märkte werden frohlocken), aber wenn sich das Geld erst mal in die Wirtschaft hineingefressen hat, wird es sich nicht mehr einsammeln lassen. Dazu noch zum Schluss ein anschauliches Bild: Die endlose Geldausschüttung, die Draghi ja schon längst durch seine Billionenkredite begonnen hat, lässt sich mit einem Wasserrohrbruch im Haus vergleichen: Zunächst bemerkt man nichts, dann aber dringt Wasser aus allen Ecken und Ritzen und vor allem, wo man es am wenigsten erwartet hat. Und nun erkläre mir mal jemand, wie man dieses Wasser wieder einsammeln will.


Leider sehe ich keine positive Zukunft für den Euro in der derzeitigen Form. Die Rettungseuropäer können sich lediglich Zeit erkaufen.


12.Oktober 2012